Llanes - Ribadesella, heute steht mal wieder eine lange Etappe auf dem Plan. 32 km, das Profil sieht aber einigermaßen machbar aus und mittlerweile habe ich ja auch ein Wenig Training, es sollte also irgendwie machbar sein. Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen macht ein wenig Mut. Es regnet nicht, die Wolken hängen in den Berger rings um Llanes fest. Ich werde ja im Wesentlichen an der Küste entlang gehen, vielleicht klappt es ja heute mal ohne Regenkleidung.

7:20 Uhr gehts los. Schnell noch das vorbereitete “Fresspaket” an der Rezeption geholt und ab gehts. Die ersten Kilometer machen richtig Spaß. Es geht direkt am Meer entlang. Der Blick nach rechts ist teilweise richtig gespenstig. Gerade waren die Berge noch zu sehen, jetzt sind sie wieder total in den Wolken. Das ändert sich hier im Hand umdrehen.

Der Weg entfernt sich jetzt vom Meer  und führt immer mal wieder an einem kleinen Fluss entlang. Ich denke normalerweise ist dies ein netter ruhiger schmaler Fluss, durch den massiven Regen in den letzten Tagen hat er sich jetzt zu einem ziemlich schnell fließenden Sturzbach entwickelt. Auch in der Breite hat sich wohl einiges getan, denn auf der anderen Seite ragen ab und zu Schilder aus dem Fluss, die normalerweise auf einen Radweg oder ähnliches deuten. Zeitweise sieht man auch überschwemmte Wiesen und Äcker. Es muss also hier in letzter Zeit wirklich außergewöhnlich viel geregnet haben und dummerweise bin ich genau in dieser Zeit in dieser Region.

Nach wie vor hängen die Wolken bedrohlich in den Bergen fest und ich bin mir nicht sicher ob ich wirklich den Tag ganz ohne regenklamotten überstehen werde. Gut 10 Km sind ja immerhin schon mal geschafft. Gestern um die Zeit saß ich noch auf dem verlassenen Bahnhof von San Vicente de Baquera, da ist das heute doch schon mal ein Fortschritt.

Der Weg schlängelt sich jetzt wieder ein wenig mehr auf und ab und durch den Aufgeweichten Boden ist das Laufen nicht immer gerade angenehm. Mittlerweile hat es auch mal wieder angefangen zu regnen. Im Vergleich zu den letzten Tagen ist aber die Intensität nicht der Rede wert, aber immerhin.

Bei km 18 ist dann der Punkt an dem sich mein Weg komplett ändert. Es ist mittlerweile wieder ein wenig steiler und vor allem steiniger.  In einer Abwärtspassage ist es dann passiert. Ich habe den falschen Stein erwischt und kam mir vor wie auf einer Eisbahn. Der Fuß rutschte weg, der ganze Kerl versuchte wieder Halt zu finden, aber mehr als ein Torkeln war nicht drin. Der schwere Rucksack verstärkte meine Probleme wieder sicheren Halt unter den Füßen zu bekommen und kurz danach lagen 1,85 m flach. Ein böses Foul mit weitreichenden Folgen, denn mein linkes Knie schmerzte wie verrückt. Erstmal hinsetzen uns sammeln war jetzt die Devise. Wird sicher gleich besser werden. Es wurde aber leider nicht besser.

Was nun? Bis zum nächsten Ort müssten es ca. 2 km sein. Also erst einmal dorthin gelangen und dann sehe ich ja weiter. Der Weg dorthin wurde zur Tortour. Für ne Strecke die ich normalerweise in ner knappen halben Stunde erledigt hätte war ich über eine Stunde unterwegs. Auftreten war links kaum noch möglich. Jeder der mich kennt weiß, dass ich Arztpraxen meide wie der Teufel das Weihwasser aber in diesem Fall sah selbst ich erstmal keine andere Möglichkeit als einen Vertreter der weißen Zunft aufzusuchen…. falls es hier in dem Ort überhaupt einen gibt. Es gab einen…. Medico Dr. Jorge Jesus Blanco. Ein netter Mann, ungefähr mein Alter. Das medizinische Gespräch hatte, mit Abstand gesehen, etwas Slapstick-artiges. Er sprach kein Deutsch, kein Englisch, kein Französisch…. eigentlich nur Spanisch. Ich habe für den Pilgeralltag schon das eine oder andere spanische Wort gelernt, aber ein Arztbesuch wegen eines verletzten Knies zählt ja glücklicherweise nicht unbedingt zum Pilgeralltag. Mit dem einen oder anderen Verb im Infinitiv und viel Hand-und Fußkommunikation meinerseits und auch einigen schauspielerischen Einlagen seinerseits wie es denn passiert sein könnte kam er zu dem Ergebnis, daß hier eine Röntgenaufnahme sein müsste. Das könne er nicht machen aber in Ribadesella gibt es eine Policlinica und dort solle ich mich hinbegeben. Mit den Aufnahmen könne ich ja wieder bei ihm auftauchen. Na klasse.

Also Taxi nach Ribadesella und rein in die Policlinica. Es war glücklicherweise nix los und ich war so ruckzuck mit meinem Umschlag mit den Bildern wieder draußen. Taxi zurück zu Medico Blanco. Der guckt die Aufnahmen an, gibt mir zu verstehen, dass nix gerissen ist – zumindest hab ich seine Erklärungen mal so gedeutet – macht mir aber auch deutlich, dass er es als überhaupt keine gute Idee empfände die Strecke nach Santiago weiter gehen zu wollen. 10 – 14 Tage sollte ich mindestens mein Bein schonen und dann solle ich mal weiter sehen.

10-14 Tage würden bedeuten, dass da nix mehr gehen würde in Richtung Santiago… und genau so fühlte ich mich auch. Im alltag kann man ja vielleicht ein wenig durch die Gegend humpeln aber hier, noch ca. 400 km vor Santiago und mit einem Rucksack auf dem Rücken… das war es dann wohl mit dem Jakobsweg.

Jetzt galt es kühlen Kopf zu bewahren und nachzudenken wie es weiter gehen kann. Gehen war für den Moment nicht vorstellbar, also war die 1. Maßnahme mit dem Zug weiter zu kommen. Nur, wohin? Um alle Optionen für einen weiteren Verlauf zu haben schien mir eine Großstadt mit Flughafen (für den Fall, dass ich mich entschließe abzubrechen) sinnvoll. Also Oviedo oder Gijon. Ich entschied mich für Oviedo weil dorthin die Verbindung viel besser war.

Was gab es für Alternativen zu einem Heimflug? Ich könnte ja in der Gegend ne Woche Urlaub machen. Wenig verlockend bei aktuell 13 Grad, Regen und einer eingeschränkten Mobilität. Noch ne Woche auf Mallorca verbringen? Ich mag Mallorca aber da hatte ich dann doch auch keine Lust drauf und außerdem…. hatte ich ja nur das nötigste an Kleidung dabei und auf Mallorca städnig mit Wanderschuhen und Funktionskleidung rumlaufen…. nee nee.

Also…. Rückflug! Irgendwann am Tag habe ich mich zu dieser Alternative durchgerungen. Es ist eben wie es ist. 30 Stunden nach meinem Missgeschick landete ich also schon in Berlin Tegel. 15 Tage früher als geplant.

Das ist mittlerweile schon einige Tage her. Ich habe einfach den Abstand gebraucht um dies hier zu schreiben (sorry). Meinem Knie gehrt es mittlerweile ein wenig besser, ich bin aber nach wie vor überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, nach Hause zu fliegen. 20 km Tagesetappen mit 11 kg Gepäck auf dem Rücken wären sicher auch heute noch nicht drin gewesen.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen, die mich gedanklich auf meinem Weg begleitet haben, herzlich bedanken. Auch allen Kommentarschreibern… danke…. ihr habt mich immer motiviert und am Laufen gehalten, auch wenn es mal schwierig oder nass wurde.

Danke, danke, danke

Eurer

Oliver

Die Herberge von San Vincent de Baquera habe ich bereits um 7:20 Uhr verlassen. Mein Plan war es, bis Colimbres zu gehen und dann die 2. Haelfte der langen Etappe mit dem Zug oder dem Bus zurueckzulegen. Vielleicht wuerde ich damit ein wenig Abstand zu meinen Herbergskollegen des letzten Abends gewinnen. Zumindest von dem Frauenchor wusste ich dass sie sicher in Colimbres uebernachten wollten.

Es ging erst einmal zackig nach unten und dann die selbe Hoehendifferenz wieder nach oben. Warum  man das hier in Nordspanien nicht einfacher haben kann… ich weiss es nicht. Der Himmel war – positiv betrachtet – bedeckt. Die Biciclistas hatten ueber ihre Radkeidung schon mal vorsichtshalber Regenjacken ueber gezogen. Ob sie mehr wussten?

Sie wussten mehr, denn als ich ein paar Minuten aus dem Ort raus war begann es ganz leicht zu regnen. Also Rucksack ab, Regenhuelle drueber. Einmal nass, trocknet das Mistding doch sonst nie wieder. Rucksack wieder auf und weiter gehts. Es dauerte nicht lange und auch fuer mich waere ein Regenschutz nuetzlich geworden. Rucksack also wieder ab, Regenjacke an und Rucksack wieder auf. Uebung macht den Meister.

Mit einer penetranten Gleichmaessigkeit wurde der Regen staerker und erstmal war kein Unterstand in Sicht. Der Himmel verdunkelte sich immer mehr und dies war kein falscher Alarm. Auf halber Strecke zur Bahnstation von San Vicente de Baquera war es wie vor ca. einer Woche als ich stundenlang durch stroemenden Regen lief. Das wollte ich mir heute nicht wieder geben und kam auf die gloreiche Idee, erst einmal an der Bahnstation Unterschlupf zu suchen und…… ja ich gebe es zu, ich habe auch damit geliebaeugelt vielleicht bei dem Mistwetter doch mit dem Zug zu fahren.

Dort angekommen war die Enttaeuschung erst mal riesengross. Die Busstation im Ort hatte 8 Bussteige, von dem Bahnhof hier in der Pampa (ca. 1,8 km vom Ort entfernt!) fuhren genau 4 Zuege pro Tag ab. 2 in die Richtung in die ich wollte , 2 Richtung Santander. Der naechste Zug der kam waere einer fuer mich, aber……. es war 8:03 Uhr und der Zug Richtung Llanes wuerde erst um 10:30 Uhr abfahren.

Also doch laufen, aber erst wenn der Regen zumindest stark nachgelassen hat. 8:30 Uhr… noch dunkle Wolken und starker Regen; 9:00 Uhr … keine Besserung und schlimmer noch, auch keine Besserung in Sicht; 9:30 Uhr… die Regenrinnen schaffen die Wassermassen nicht mehr; 10:00 Uhr… es sieht zwar nach wie vor dunkel am Himmel aus aber der Regen wird ein wenig schwaecher.

Mittlerweile sitze ich schon knapp 2 Stunden auf einer Bank hinter einem stillgelegten Bahnhofsgebaeude. Was tun wenn der Regen jetzt aufhoert? Den urspruenglichen Plan mit dem Zug ab Colimbres nach Llanes weiter zu fahren kann ich jetzt sowieso vergessen, denn ich weiss jetzt auch an Hand des Fahrplanes, dann auch ab Colimbres nur 2 Zuege pro Tag nach Llanes fahren.

Gluecklicherweise nimmt mir Petrus die Entscheidung sowieso ab und oeffnet mal wieder mit einem Ruck die Schleusen. Kurz vor halb 11 kommen tatsaechlich noch 2 weitere Reisende und schauen mich einigermassen mitleidsvoll an. Hat es sich im Ort schon rumgesprochen, dass da draussen einer seit 2 1/2 Stunden am Bahnhof gestrandet ist? Sei es drum, der Zug faehrt ein und ich steige ein. Ziel Llanes.

Wie richtig die Entscheidung war erkenne ich im Laufe der 40-minuetigen Zugfahrt immer mehr. Es schuettet wie aus Eimern. Wie schnell 40 Minuten vergehen wenn an eigentlich hofft, noch laenger im Zug sitzen zu koennen ist schon sensationell. Naja, immerhin hatte der Bahnhof von Llanes einen Warteraum, aber den ignorierte ich und bei Ankunft war es auch nur noch “normaler” Regen.

In der Jugendherberge angekommen ging es erst einmal daran Bestandsaufnahme zu machen. Ein wenig Obst, Kaese, Brot, Getraenke; einkaufen war angesagt. Gluecklicherweise war ein Supermarkt nur wenige Minuten entfernt, denn der Himmel verdunkelte sich schon wieder verdaechtig. Was soll ich sagen… es hat gerade noch so gereicht vor dem naechsten Guss und irgendwie hat es ja auch was wenn es draussen stuermt und man im Trockenen sitzt.

Morgen soll die Regenwahrscheinlichkeit bei “nur” 50% liegen. Ich bin gespannt.

Ich weiss nicht warum, aber die Herberge in Santander war, als ich um 7:10 Uhr auf die Strasse trat, nahezu leer. Wie immer sind die Fahrradfahrer die letzten, die sich auf die Piste machen. Die haetten mit der Etappe, die nach Santander auf dem Plan steht auch keine Probleme gehabt. Ich auch nicht, denn ich wusste, dass ich mir die anstehenden 42 km bis zur naechsten Herberge nicht antun wuerde, noch dazu weil es nicht wirklich nur seicht bergab ging. Die knapp 30 km nach Santoña haben mir klar aufgezeigt wo meine Tagesgrenze liegt und 42 km ist meilenweit darueber hinaus.

Da zwischen Santander und Santillana de Mar wirklich keine Schlafgelegenheit besteht verwundert es, dass der Bus mit dem ich mich nach San Vicente de Busquera habe fahren lassen, nicht voller war. Das machte mir ein schlechtes Gewissen. Aber nur ganz kurz, denn alleine war ich dann doch nicht und manche sind sogar noch eine Station weiter gefahren.

Das Verhalten der Spanier in Bezug auf Bus und Bahn ist im Vergleich zu uns Deutschen sowieso ein wenig anders. Bus und Bahn kann man hier zu einem Spottpreis fahren. Die Spanier nutzen anscheinend vor allem das umfangreiche Angebot des staatlichen Busunternehmens. Mit der ALSA kann man wirklich in nahezu jeden Winkel des Landes kommen und vor allem lange Strecken werden mit diesen Langstreckenlinienbussen gefahren.

Das wurde mir jetzt in Santander zum ersten mal deutlich, als ich den Hauptbahnhof mit dem zentralen Busbahnhof der Stadt direkt vergleichen konnte. Der Hauptbahnhof hat sage und schreibe 5 Gleise (wenn ich mich nicht verzaehlt habe), einen kleinen Zeitungsladen und ein Stehcafe. Das wars! Der Busbahnhof schraeg gegenueber ist auf 3 Ebenen verteilt. Im Erdgeschoss der Fahrkartenverkauf, im 1. Untergeschoss diverse Einkaufsmoeglichkeiten (Baeckerei, Zeitungen, Cafe, Souvernierladen…..) und im 2. Untergeschoss sind die Bushaltestellen. Mein Bus fuhr an Nr. 30 ab! Ok, mehr gab es nicht aber 30 unterirdische Bushaltestellen, das ist schon ein Ding. Mein Bus fuhr von Santander bis Gijon, aber man haette ohne Probleme auch von Santander an diesem Sonntag Morgen in nahezu jede nur denkbare groessere Stadt Spaniens aufbrechen koennen. Uebrigens… mit dem Bus bin ich 10 Minuten kuerzer nach San Vicente del la Barquera gefahren als es mit dem Zug gedauert haette, der haelt naemlich an jedem dicken Baum.

San Vicente ist eine nette verschlafene Kleinstadt (=grosses Dorf), dass aber scheinbar beruehmt fuer seine Restaurants sein muss. Den ganzen Tag herrschte dort Grabestille aber zwischen 15 und 18 Uhr waren wie abgesprochen alle Restaurants die ich gesehen habe (und das waren ne Menge) rappelvoll. Danach wurden die Tische wieder weggeraeumt und die Gehwege hochgeklappt. Da ich warten wollte bis der groesste Andrang vorbei war, blieben  mir jetzt nicht mehr so viele Alternativen. Aber gut war das Essen allemal!

Ach ja… die Herberge. Ich wuerde sagen…. klarer vorletzter Platz. Dem Hospitalero war vor allem wichtig, dass er in Ruhe Motorradrennen im TV gucken konnte und ungefaehr alle Stunde wurde man daran erinnert das neben dem Eingang eine Spendenbuechse steht in die ich gerne neben den 6 Euro fuer die Nacht noch weiter die Albuerge unterstuetzen koenne. Und Probleme mit dem Matratzenbezug gab es keine, denn einen Bezug gab es nicht! 

Zu allem Ueberfluss rueckte dann auch noch sowas wie der Frauenchor irgendeiner keinen franzoesischen Gemeinde an. Das Kaff muss klein sein, denn es waren auch nur 6 Damen, Ich hatte das Gefuehl, die redeten nicht miteinander, wenn sie was sagen wollten stimmte eine der holden Damen immer ein dazu passendes Lied an und die anderen sangen mit. Mal ist das ja ganz lustig, aber mit der Zeit…..!

Insgesamt war die Zusammensetzung der Gaeste nicht sehr gelungen. Eine spanische Radfahrertruppe, der Frauenchor, eine Zigarrillo rauchende Deutsche mit ihrer islaendischen Freundin, die unterwegs einen Oesterreicher aufgegabelt hatten, dessen Frisoer ein gluehender Beethoven-Fan sein muss. Zuminest aehnelte der Haarschnitt dramatisch dem des Komponisten. Achja… 2 junge Suedkoreanerinnen, die wohl nichts verstanden und deswegen unentwegt kicherten. Tiefgreifende Gespraeche waren da fuer mich nicht drin.

Naja, der Tag geht rum aber es bleibt das Problem, dass man normalerweise mindestens einen Teil der Personen auch in der naechsten Herberge wieder trifft. Dies war hier umso wahrscheinlicher weil es sich am naechsten Tag wieder um eine 40+ km Etappe handelte bei der es, zur Teilung der Gesamtetappe  nur eine wirklich sinnvolle Herberge gab. Die Radfahrer werden weg sein aber was ist mit den Frauenchor, dem Beethoven-Double und der Koreafraktion?

Da muss ich wohl noch die eine oder andere Station durch aber ich habe die Hoffnung, dass der eine oder andere weiter laufende, nette Zeitgenosse den Vorsprung von einer Etappe, den ich durch die Busfahrt gewonnen habe, wieder einholt.

Buen Camino und hasta luego

Der Abschied von Guemes fiel doch ein wenig schwer, weil die Herberge wirklich super war aber es nutzte ja nichts, der Weg ist das Ziel. Ausserdem sollte ja ein gigantischer Abschnitt hoch oben auf der Steilkueste auf mich warten.

Die ersten 3 km waren genau richtig zum Einlaufen. Leicht aufwaerts, leicht abwaerts, nichts was mich mittlerweile noch aus der Ruhe bringen koennte. In Galizano dann der Abzweig Richtung Steilkueste. Auch diesem Aufstieg hatte ich mir schwieriger vorgestellt und deshalb schon mal vorsichtshalber die ungeliebten Stoecke einsatzbereit gehalten. Der Ausblick von den Klippen war dann wirklich unbeschreiblich. Auf insgesamt 5 km konnte ich dies geniessen bevor es dann wieder etwas beschwerlicher nach unten ging. Der Abschluss dieser 16 km Laufetappe bildete dann eine Wanderung auf dem Strand von Somo. Das ging dann schon in die Beine. Dann nur noch mit dem Schiff durch die Bucht von Santander und dann koennte ich mich ja wieder ausruhen. Die Herberge ist ja nicht weit vom Anleger.

Was mich dort jedoch erwartete war erst mal ein harter Aufschlag. Auch ohne den Vergleich mit der Herberge von Guemes waere die Albergue von Santander mit grossem Abstand an letzter Stelle der bisherigen Herbergen gelandet. Mit dem Vergleich war das Ganze noch krasser. 32 Betten im Schlafraum, die unteren waren schon alle belegt…. bis auf eines. Die Hospitalera fragte mich ob das ok waere, wenn ja muesste ich die Matratze nur noch beziehen. Ich sagte zu, denn eine Matratze beziehen ist ja nicht so sehr das Problem, ausserdem war ja dann wenigstens der Bezug frisch gewaschen.

Jetzt finden die Schwierigkeiten aber erst an. Mein Bett war im Bereich der Holzbetten aufgestellt, weiter vorne im Raum waren Metallbetten aufgestellt. Die Metallgestelle quietschten, die Holzbetten machten bei allem was ueber ein normales Atmen hinausging ein eigenartiges Schnarrgeraeusch. Ich stellte mir noch die gewoehnlichen Schnarcher dazu vor……. Das wird eine einzigartige Synphonie.

Das zweifelhafte Gesamtbild der Albergue wurde dann noch von den im Wesentlichen fehlenden sanitaeren Einrichtungen abegrundet. 1 WC fuer die Maenner, 1 WC fuer die Frauen, 2 Duschen fuer Alle. Waschbecken… jeweils eines in den WCs. Das wird ja spannend bis da am Abend bzw. am Morgen alle 40 Leute durch sind. Irgendwie ging es dann doch, aber wohl nur deswegen weil sich einige die abendliche bzw. morgentliche Toilette mal gespart haben.

Jetzt aber zur noch zu beziehenden Matratze. Eigentlich kein Problem…. eigentlich…. ausser in dieser Herberge. Es stellten sich gleich mehrere Probleme. 1. Die Matratze musste wie in einen Sack in das Leintuch hineinmanoevriert werden. 2. Das ging nicht wenn die Matratze auf dem Bett lag. 3. Die Matratze musste aus dem Bett raus, dazu war aber eigentlich viel zu wenig Platz zwischen den einzelnen Betten. Ohne die tatkraeftige Hilfe einer anderen Person wuerde ich wohl auch jetzt noch versuchen dieses Matratzenmonster aus dem schnarrenden Bettgestell zu zerren.

Ab jetzt ging es nur darum, sich so wenig wie moeglich in dieser zweifelhaften Unterkunft aufzuhalten, nachher schnell einzuschlafen und morgen frueh fluchtartig diese Desaterbude zu verlassen.

Fazit des Tages: Es ueberrascht, wie gross die Fallhoehe bei Unterkuenften sein kann und dass man sogar solche Bruchbuden irgendwie ueberlebt.

Buen Camino und hasta luego

Oliver

Ich war mittlerweile maechtig stolz auf die bisher gegangenen 135 km und musste erkennen, dass in dieser Welt alles relativ ist. In der Herberge in Santoña lernte ich Markus kennen. Ein Schweizer, der, wenn er in Santiago angekommen sein wird insgesamt 2500 km ab Luzern gegangen ist. 2500 km in 100 Tagen. Er laege sehr gut in der Zeit und koenne sich sogar noch 1 oder 2 Tage Ruhe mit nur 10 – 15 km Etappen leisten. Ich laechelte gequaelt, denn meine Fuesse riefen momentan nach 1-2 Tagen Ruhe mit 0 km. Ich will aber bis Santander durchhalten und das sind noch 2 Tage mit insgesamt 41 km.

Also morgens raus aus der Koje und auf die Beine. Ich empfand den Weg zum Speisesaal schon als Heldentat und irgendwie kam ich auch den ganzen Tag nicht wirklich in den Rythmus. Es standen 26 km Flachetappe an und obwohl das Profil wirklich nicht schwierig war musste ich schon nach 11  km in den Kampfmodus umschalten. Autopilot ein, Hirn aus und nur keinen der gelben Pfeile uebersehen, denn dass bedeutet immer Mehrkilometer und wenn ich heute etwas nicht brauche, dann sind es Mehrkilometer.

Obwohl das Profil sehr viel leichter und die Etappe auch 2 km kuerzer als am Vortag war brauchte ich die selbe Zeit um in Guemes mein Ziel zu erreichen. Dort wurde ich mit einer absoluten Luxusherberge fuer die Strapazen entschaedigt. Kaum im Zimmer angekommen drangen auch schon vertraute Klaenge an meine Ohren. Werner und Christel aus Monnem (= Mannheim), ei alla… do konnsch iwwer die brigg gehe, kummsch mid? …. schoen mal wieder den Dialekt live zu hoeren und nicht nur im Fernsehen von Bylent Cheylan.

Die Herberge ist wirklich erste Sahne, abends gab es ein leckeres Essen und danach sang die Koechin noch das eine oder andere Lied - das liegt wohl den spanischen Koechen im Blut, Pepe, el cochinero,  war ja auch ein begeisterter Saenger.

 Die Betten knarrten nicht, keiner schnarchte…. eine rundum gelungener Aufenthalt.

Fazit des Tages: Mach mal einen Tag Pause, sagen meine Fuesse, mein Kopf will aber nach Santander.

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