Archiv für Juni 2011

Meine neuen spanischen Freunde waren ein lustiger Haufen. Die Gruender der Gruppe waren Julian und Antonio. Auf einem Jakobsweg gabelten sie Javier auf. Ein Jahr spaeter kamen, wieder auf dem Jakobsweg, Pepe, Juan, Gustavo, und Daniel – ein Franzose - dazu. Drei Chicas ( Maedchen) im Alter von 50 – 60 Jahren komplettierten die Gruppe im 3. Jahr. Sie kommen alle aus unterschiedlichen Regionen des Landes und treffen sich nur 1 x im Jahr um einen Jakobsweg zusammen zu gehen. Jeder geht so lange mit wie er Zeit hat. Jeder in der Gruppe hat einen Titel mit dem er auch angesprochen wird – voellig verrueckt aber lustig. Julian ist “el professor”, Antonio ” el jeffe” (Chef), Pepe ” el cochinero (Koch),  Javier ” el madrillenio”, Daniel “el Frances”,  Gustavo ” el Grande” und die Frauen alle “las chicas”. Die Gruppe hatte beim Fruehstueck beschlossen, dass ab sofort “el Aleman” (also ich) auch jedes Jahr dabei sein soll. Wiederrede waere zwecklos, denn el Professor und el jeffe dulden bei sowas keinen Wiederspruch. Ok ich war also jetzt einer der “camineros” und die erste gemeisame Etappe stand an. Ich wollte nach Santoña weil ich dachte, 28 km an einem Tag waeren genug. Meine neuen Kumpels hatten sich Noja (gesprochen Nocha) ausgesucht, waren ja  nur 8 km mehr. Dort soll es in einer bestimmten Kneipe einen ganz speziellen Wein geben. Naja, das ist ja fuer mich nicht gerade ein ueberzeugendes Argument.

Es war eine reine Asphaltetappe, also keine besonderen Anforderungen. Dachte ich zumindest, denn auf  Asphalt bin ich ja stark zu Fuss. Ich hatte dabei aber die Rechnung nicht mit dem Wirt, oder besser gesagt nicht mit el professor, el jeffe, el grande und all den anderen gemacht. Ich wuerde das Tempo als sportlich aber machbar bezeichnen. Soweit so gut. Nach 3/4 Stunde Einlaufzeit ging es dann das erste mal ans Eingemachte. 6 km bergauf, keine “schwarze Piste”, ich wuerde es mal als gepflegte “rote Piste” bezeichnen. Aber erstens koennen sich 6 km ziehen wie Kaugummi und zweitens…. die Jungs dachten gar nicht daran das Tempo aus dem Lauf zu nehmen. Anstatt 5,5, km/h ging es jetzt mit 5,2 aufwaerts. Ich hielt mich recht gut in der Gruppe und konnte sogar bei der Anwesenheitskontrolle durch el professor immer laut und deutlich “aqui” rufen wenn mein Name,also “el aleman” fiel. El jeffe und el Grande machten da schon einen schlechteren Eindruck, aber el jeffe schaute schon seit dem ersten kilometer so gequaelt wie jetzt nach 4 km Anstieg und el Grande hatte sich am Vortag eine Blase an der Fusssohle gelaufen mit der ich wohl nicht einmal einen Schritt vor die Tuer gemacht haette. Respekt, er ging volle Kanne mit!

Vorne gaben el professor und el Frances (Daniel, der Franzose) das Tempo vor. Ich hatte an der hoechsten Stelle wenigstens beide noch im Blickfeld und als ich nach weiteren 4 km bergab – da konnte ich sogar wieder aufschliessen – bei der Rast erfahren habe das el professor mit seinen 57 Jahren noch 3-4 Marathonlaeufe  pro Jahr bestreitet und el Frances auch schon auf dem Mont Blanc war wunderte mich nichts mehr. Die anderen fragte ich vorsichtshalber mal gar nicht nach ihren sportlichen Auszeichnungen. Vor allem el Grande hatte einen Hoellentag, ich denke der haette uns alle in Grund und Boden gewandert wenn er fit gewesen waere. Von ihm sagte sogar el professor, dass er verdammt lange, verdammt schnell gehen kann.

Es ging nach einer Cola fuer mich und 2-3 Cervezas  oder vinos fuer die anderen weiter und jetzt war dann endgueltig Schluss mit lustig, denn die naechsten 5 km bergauf standen an und die Jungs liessen nicht locker. Kein Wunder, sie wollten ja noch nach Noja, da sollte man schon Gas geben. Es kam wie es kommen musste, nach und nach verlor ich den Anschluss und nach 2 km war dann der Akku leer und der Oli sass am Strassenrand auf der Leitplanke und sah die anderen hinter der naechsten Kurve verschwinden.

So muss es wohl Radfahrern bei der Tour de France gehen wenn sie am Berg merken dass sie nicht mehr folgen koennen. Ja ich weiss, dies war kein Rennen, aber wer mich kennt weiss auch, dass mich das trotzdem maechtig gewurmt hat. Ab sofort ging ich also wieder meinen eigenen Weg. Es war wohl die kuerzeste Mitgliedschaft in einer Gruppe, denn nach 4 Stunden war die Sache schon wieder Geschichte. Obwohl auf dem Weg hier nichts ausgeschlossen ist, auch nicht dass ich den einen oder anderen der Gruppe noch mal irgendwo sehen werde.

Als ich dann endlich auch an der Bergkuppe war und den Blick auf Laredo und den ewig langen (7 km) Strand geniessen konnte war dann einen ausgedehnte Pause angesagt. Eine Bank am Wegesrand lud auch zu einem kurzen Nickerchen ein. Die 1,2 km in die Stadt waren dann ein Kinderspiel und dort suchte ich erst einmal ein Juwelier damit ich die Batterie meiner Uhr ersetzen lassen konnte. 4 Euro sagte er und….. weg…… mein Geldbeutel war nicht mehr dort wo er immer war, naemlich in der Hosentasche. Er konnte nur bei meiner letzten Rast rausgefallen sein. Also… 1,2 km wieder nach oben. Diesmal so schnell es ging, denn ich sollte doch auf jeden Fall der erste sein, der ihn findet, denn es war alles Wichtige drin. Ausweis, Fuehrerschein, Visa-Karte, Geld…. ALLES!!!

Er lag genau dort wo ich ihn vermutet hatte und mit einem gehoerigen Schreck aber erleichtert konnte ich mich daran machen in der Stadt meinen Rucksack auszuloesen (den hatte ich als Pfand fuer die Uhr dort gelassen) und auch einen Optiker zu suchen, der mir mein am Morgen herausgeallenes Glas der Brille wieder einsetzte. Als das alles erledigt war, stand nur noch die Strandpromenade und eine kurze Bootsfahrt nach Santoña zwischen mir und der Herberge.

Der Strand sah von oberhalb der Stadt lang aus, von unten war er gefuehlt  mindestens doppelt so lang. 6,9 km koennen eine ewig weite Strecke sein wenn du bei den vorhergehenden 21 km ueber deine Verhaeltnisse gegangen bist. Die Koerner waren aufgebraucht, der Wasservorrat auch, es brannte vom Himmel und die regelmaessig eingerichteten Kioske machten guten Umsatz mit mir.

Die Bootsfahrt nach Santoña war leider sehr sehr kurz. Ich haette mir mehr gewuenscht, denn schon nach 4 Minuten musste ich wieder auf die Beine kommen und die wollten jetzt ueberhaupt nicht mehr. Zur Herberge war es aber nicht mehr weit, nur ca. ne halbe Stunde durchs Hafengebiet. Leider hatte ich mich im Hafen in eine Sackgasse gelaufen und es bestand nur die Moeglichkeit umzukehren und die 400 m Umweg auch noch zu gehen oder…. der Gitterzaun war aus stabilem Metall, ca. 2 m hoch und mit den letzten Reseven sicher auch zu bezwingen. Ich war mir irgendwann waehrend der Kletteraktion nicht sicher ob es nicht leichter gewesen waere zurueck zu laufen aber jetzt hing ich am Gitter und es gab kein Zurueck. Die letzten 200 m zur Herberge haben dann auch noch geklappt!

Fazit des Tages: Erkenne deine Grenzen und versuche nicht als Amateur mit Hardcore-Wanderern mitzuhalten!

Nach Frau “Oetzi-Ami” wartete in der Herberge Pobeña der naechste Typ Mensch, den ich so absolut ganz und gar nicht ab kann. Ich nenne ihn hier mal Herr “Alsigemi” (Alsigemi = Alle sind gegen mich). Herr Alsigemi erkennt man schon am Gesichtsausdruck. Alle Leiden seit Christi Geburt haben sich in seinem Gesicht eingegraben. Die offensichtliche Unentspanntheit ist an der ganzen Bewegung zu erkennen. Er beobachtet alles und jeden, denn die Gefahr lauert ueberall. Was er gar nicht haben kann ist, wenn Andere locker und optimistisch daher kommen. Wo kommen wir denn da hin, so einfach ist das Leben nicht, die Optimisten werden schon sehen was sie davon haben, auch die wird es noch erwisschen.

Genau so ein Herr Alsigemi war also in Pobeña . Verschaerft wurde die Sache weil auch sein Frau vom selben Holz geschnitzt war, die beiden sich also bestens unterstuetzen konnten, dass viele Anwesenden das mit dem Camino zu  locker nehmen wuerden und sicher schon in der naechsten Etappe aufgeben werden. Ausserdem standen die Betten zu nah beieinander, die Matratzen waren zu weich und speziell die Spanier unterhalten sich zu laut.

Es kam wie es kommen musste. Am naechsten Morgen fehlte die Brotbuechse von Frau Alsigemi. Eine von Tchibo, wie Herr Alsigemi betonte. Es wurde eine halbstuendige Suchaktion eingeleitet. Ich hatte eigentlich erwartet, das auch noch die Polizei gerufen wird, damit alle verhoert werden. Soweit wollte Herr Alsigemi nicht gehen aber fuer ihn stand fest, dass auf dem Camino del Norte geklaut wird wie die Raben und dies auf dem Camino Frances nicht so waere. Dort waere ihm sowas noch nie passeiert. Fuer ihn Beweis genug, dass der Frances sicherer ist, denn wenn dort auch geklaut wuerde, dann waere es ja Herrn Alsigemi schon passiert, denn alles was schief geht, geht ja bei ihm schief.

Warum ich das alles schreibe? Weil die Etappe zum ersten mal komplett problemlos verlief. Frau “Oetzi-Ami” zu Hause, herrliches Wetter und Familien Alsigemi weit genug hinter mir, dass ich mit ihrem Elend der fehlenden Brotbuechse verschont blieb.

Ja, und am Abend in der Herberge  noch ein legendaerer Abend mit einem Portugiesen und neun Spaniern. Mein sehr ausbaufaehiges Spanisch wurde scheinbar immer besser verstaendlich, je mehr Vino Rosado meine neuen spanischen Freunde getrunken hatten. Pepe kochte eine phantastische Paella und sang dazu unaufhoerlich spanische Lieder. Fantastico!

Fazit des Tages: Selbst wenn ein Tag mit einer fehlenden Tchibo Brotbuechse beginnt kann noch was aus ihm werden.

Buen Camino und hasta luego

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