Llanes - Ribadesella, heute steht mal wieder eine lange Etappe auf dem Plan. 32 km, das Profil sieht aber einigermaßen machbar aus und mittlerweile habe ich ja auch ein Wenig Training, es sollte also irgendwie machbar sein. Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen macht ein wenig Mut. Es regnet nicht, die Wolken hängen in den Berger rings um Llanes fest. Ich werde ja im Wesentlichen an der Küste entlang gehen, vielleicht klappt es ja heute mal ohne Regenkleidung.

7:20 Uhr gehts los. Schnell noch das vorbereitete “Fresspaket” an der Rezeption geholt und ab gehts. Die ersten Kilometer machen richtig Spaß. Es geht direkt am Meer entlang. Der Blick nach rechts ist teilweise richtig gespenstig. Gerade waren die Berge noch zu sehen, jetzt sind sie wieder total in den Wolken. Das ändert sich hier im Hand umdrehen.

Der Weg entfernt sich jetzt vom Meer  und führt immer mal wieder an einem kleinen Fluss entlang. Ich denke normalerweise ist dies ein netter ruhiger schmaler Fluss, durch den massiven Regen in den letzten Tagen hat er sich jetzt zu einem ziemlich schnell fließenden Sturzbach entwickelt. Auch in der Breite hat sich wohl einiges getan, denn auf der anderen Seite ragen ab und zu Schilder aus dem Fluss, die normalerweise auf einen Radweg oder ähnliches deuten. Zeitweise sieht man auch überschwemmte Wiesen und Äcker. Es muss also hier in letzter Zeit wirklich außergewöhnlich viel geregnet haben und dummerweise bin ich genau in dieser Zeit in dieser Region.

Nach wie vor hängen die Wolken bedrohlich in den Bergen fest und ich bin mir nicht sicher ob ich wirklich den Tag ganz ohne regenklamotten überstehen werde. Gut 10 Km sind ja immerhin schon mal geschafft. Gestern um die Zeit saß ich noch auf dem verlassenen Bahnhof von San Vicente de Baquera, da ist das heute doch schon mal ein Fortschritt.

Der Weg schlängelt sich jetzt wieder ein wenig mehr auf und ab und durch den Aufgeweichten Boden ist das Laufen nicht immer gerade angenehm. Mittlerweile hat es auch mal wieder angefangen zu regnen. Im Vergleich zu den letzten Tagen ist aber die Intensität nicht der Rede wert, aber immerhin.

Bei km 18 ist dann der Punkt an dem sich mein Weg komplett ändert. Es ist mittlerweile wieder ein wenig steiler und vor allem steiniger.  In einer Abwärtspassage ist es dann passiert. Ich habe den falschen Stein erwischt und kam mir vor wie auf einer Eisbahn. Der Fuß rutschte weg, der ganze Kerl versuchte wieder Halt zu finden, aber mehr als ein Torkeln war nicht drin. Der schwere Rucksack verstärkte meine Probleme wieder sicheren Halt unter den Füßen zu bekommen und kurz danach lagen 1,85 m flach. Ein böses Foul mit weitreichenden Folgen, denn mein linkes Knie schmerzte wie verrückt. Erstmal hinsetzen uns sammeln war jetzt die Devise. Wird sicher gleich besser werden. Es wurde aber leider nicht besser.

Was nun? Bis zum nächsten Ort müssten es ca. 2 km sein. Also erst einmal dorthin gelangen und dann sehe ich ja weiter. Der Weg dorthin wurde zur Tortour. Für ne Strecke die ich normalerweise in ner knappen halben Stunde erledigt hätte war ich über eine Stunde unterwegs. Auftreten war links kaum noch möglich. Jeder der mich kennt weiß, dass ich Arztpraxen meide wie der Teufel das Weihwasser aber in diesem Fall sah selbst ich erstmal keine andere Möglichkeit als einen Vertreter der weißen Zunft aufzusuchen…. falls es hier in dem Ort überhaupt einen gibt. Es gab einen…. Medico Dr. Jorge Jesus Blanco. Ein netter Mann, ungefähr mein Alter. Das medizinische Gespräch hatte, mit Abstand gesehen, etwas Slapstick-artiges. Er sprach kein Deutsch, kein Englisch, kein Französisch…. eigentlich nur Spanisch. Ich habe für den Pilgeralltag schon das eine oder andere spanische Wort gelernt, aber ein Arztbesuch wegen eines verletzten Knies zählt ja glücklicherweise nicht unbedingt zum Pilgeralltag. Mit dem einen oder anderen Verb im Infinitiv und viel Hand-und Fußkommunikation meinerseits und auch einigen schauspielerischen Einlagen seinerseits wie es denn passiert sein könnte kam er zu dem Ergebnis, daß hier eine Röntgenaufnahme sein müsste. Das könne er nicht machen aber in Ribadesella gibt es eine Policlinica und dort solle ich mich hinbegeben. Mit den Aufnahmen könne ich ja wieder bei ihm auftauchen. Na klasse.

Also Taxi nach Ribadesella und rein in die Policlinica. Es war glücklicherweise nix los und ich war so ruckzuck mit meinem Umschlag mit den Bildern wieder draußen. Taxi zurück zu Medico Blanco. Der guckt die Aufnahmen an, gibt mir zu verstehen, dass nix gerissen ist – zumindest hab ich seine Erklärungen mal so gedeutet – macht mir aber auch deutlich, dass er es als überhaupt keine gute Idee empfände die Strecke nach Santiago weiter gehen zu wollen. 10 – 14 Tage sollte ich mindestens mein Bein schonen und dann solle ich mal weiter sehen.

10-14 Tage würden bedeuten, dass da nix mehr gehen würde in Richtung Santiago… und genau so fühlte ich mich auch. Im alltag kann man ja vielleicht ein wenig durch die Gegend humpeln aber hier, noch ca. 400 km vor Santiago und mit einem Rucksack auf dem Rücken… das war es dann wohl mit dem Jakobsweg.

Jetzt galt es kühlen Kopf zu bewahren und nachzudenken wie es weiter gehen kann. Gehen war für den Moment nicht vorstellbar, also war die 1. Maßnahme mit dem Zug weiter zu kommen. Nur, wohin? Um alle Optionen für einen weiteren Verlauf zu haben schien mir eine Großstadt mit Flughafen (für den Fall, dass ich mich entschließe abzubrechen) sinnvoll. Also Oviedo oder Gijon. Ich entschied mich für Oviedo weil dorthin die Verbindung viel besser war.

Was gab es für Alternativen zu einem Heimflug? Ich könnte ja in der Gegend ne Woche Urlaub machen. Wenig verlockend bei aktuell 13 Grad, Regen und einer eingeschränkten Mobilität. Noch ne Woche auf Mallorca verbringen? Ich mag Mallorca aber da hatte ich dann doch auch keine Lust drauf und außerdem…. hatte ich ja nur das nötigste an Kleidung dabei und auf Mallorca städnig mit Wanderschuhen und Funktionskleidung rumlaufen…. nee nee.

Also…. Rückflug! Irgendwann am Tag habe ich mich zu dieser Alternative durchgerungen. Es ist eben wie es ist. 30 Stunden nach meinem Missgeschick landete ich also schon in Berlin Tegel. 15 Tage früher als geplant.

Das ist mittlerweile schon einige Tage her. Ich habe einfach den Abstand gebraucht um dies hier zu schreiben (sorry). Meinem Knie gehrt es mittlerweile ein wenig besser, ich bin aber nach wie vor überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, nach Hause zu fliegen. 20 km Tagesetappen mit 11 kg Gepäck auf dem Rücken wären sicher auch heute noch nicht drin gewesen.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen, die mich gedanklich auf meinem Weg begleitet haben, herzlich bedanken. Auch allen Kommentarschreibern… danke…. ihr habt mich immer motiviert und am Laufen gehalten, auch wenn es mal schwierig oder nass wurde.

Danke, danke, danke

Eurer

Oliver

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4 Kommentare zu „Rien ne va plus“

  • Thomas sagt:

    Hallo Oliver
    Na, schade ist es schon. Aber ich denke auch, du wirst die richtige Entscheidung getroffen haben. Ich bin jetzt 25 km vor Santiago und hatte mich sehr darauf gefreut, dich dort zu treffen.
    Liebe Gruesse (wahrscheinlich wird es deinem Knie inzwischen schon besser gehen… wir sehen uns hoffentlich bei unserer naechsten Pilgerherberge)
    Thomas
    Werde beim Hl.Jakobus an dich denken.

  • Gabriele sagt:

    Lieber Oliver,

    das kann ich verstehen, dass man da erstmal in sich selbst abtaucht. Deinen Blog finde ich erstklassig, dankeschön dafür, ich habe ihn fast in einem Rutsch gelesen, da ich selbst ja erst ab 6. in Berlin war. Lass Dein Knie gut ausheilen! Ich hoffe, Du kannst Dich über das freuen, was Du erlebt hast, und wir laufen zum anderen bald wieder zusammen. Besonders freue ich mich, wenn Du bei uns wieder aufschlägst und wir im Juli Deinen mündlichen Bericht hören dürften! Sei ganz doll umarmt!
    Herzliche Grüße
    Gabriele

  • Knut sagt:

    das tut mir echt leid! ABER, du hast es angegangen und hättest es definitiv durchgezogen! Das zählt! Und am Ende wirklich besser das abzubrechen als stur durch zuziehen und dann passiert noch mehr… naja, der Block wird sich dann bei deinem nächsten Versuch wieder füllen :)

  • glowi sagt:

    …den nächsten Anlauf machen wir gemeinsam! Es war eine mutige und richtige Entscheidung und wie sagt man lapidar: künftig stehen alle Wege offen.

    Auch wenn es nur die Hälfte des Weges geworden ist, würde ich es dir nicht verzeihen, darüber in der Herberge ausführlich zu berichten.

    Oli, ich kann dich gut leiden und deine Berichte waren einsame Spitze. Ein happyend gibt es nur in Schnulzen, und deine Schnulze ist noch nicht zu Ende geschrieben.

    Besondere Grüße an die liebe Karla…

    glowi de berlin

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